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Christiana humpelte durch den Apfelhain, bis sie einen freien Platz unter einem Baum gefunden hatte. Dann ließ sie sich in seinem Schatten nieder und lehnte sich mit dem Rücken an den dicken Stamm. Sie schälte die Orange, wie sie es bei den anderen beobachtet hatte, und schob sich gleich drei Stücke auf einmal in den Mund. Genüsslich schloss sie die Augen.

»Lady Christiana?«

Widerwillig hob sie ihre Lider und blickte geradewegs in Sir Anthonys blaue Augen. Er hielt eine Schüssel und einen Löffel in der Hand.

»Darf ich mich zu Euch setzen?«, fragte er freundlich.

Sie sah sich verwirrt um und entdeckte, dass unter jedem Baum in ihrer Nähe bereits jemand saß.

»Natürlich, Sir Anthony«, erwiderte sie höflich und schob den Stoff ihres weiten, schwarzen Rocks zusammen, um ihm Platz zu machen.

»Vielen Dank.« Er ließ sich geschmeidig neben ihr nieder und löffelte langsam seine Suppe.

Da seine Nähe sie nervös machte, wandte Christiana ihren Blick von ihm ab und ließ ihn stattdessen ziellos über den Hain wandern. Ein paar Schritte entfernt entdeckte sie ihre Zofe, die zwischen den Bäumen entlangschlenderte. Vor geraumer Zeit hatte sie ihre Idee verworfen, Annas Hilfe bei der Behandlung der Kranken in Anspruch zu nehmen, denn das ängstliche Mädchen stellte sich allzu tollpatschig an. Zusammen mit ihrer Tante beschloss sie, dass ihre Zofe neben ihren bisherigen Aufgaben fortan auch für das Wohlergehen der Herzogin sorgen sollte. So hatte sie nun die große Ehre, sich um das Oberhaupt von Eden zu kümmern, anstatt sich tagein tagaus zu langweilen.

Annas rote, schulterlange Locken wippten durch ihren unbeschwerten Gang sanft auf und ab. Als sie jedoch abrupt stehen blieb, gerieten sie plötzlich wild durcheinander. Mit ihren Augen musterte Anna jemanden, der irgendwo im Schatten eines Baumes saß, und ein hoffnungsvolles Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Dann setzte sie sich wieder in Bewegung. Christiana löste ihren Blick von dem hübschen Mädchen und fand schließlich das Objekt dessen Begierde, auf das es geradewegs zuspazierte.

Ihr Diener saß mit geschlossenen Augen unter den tief hängenden Ästen des Apfelbaums. Ein Bein hatte er ausgestreckt, das andere angewinkelt und zu sich herangezogen. Sein Arm lag entspannt auf dem gebeugten Knie, aber trotzdem wirkte er wie immer wachsam.

Er trug eine dunkle weite Hose wie die meisten Männern auf Eden sowie ein grünes Hemd, dessen Ärmel er bis über die Ellenbogen hochgeschoben hatte.

Ungefähr zur selben Zeit, als sie es aufgegeben hatte, ihr Gesicht hinter dem Schleier zu verbergen, hatte er sich von seinem geliebten Gugel getrennt, sodass der Wind nun ungehindert mit ein paar Strähnen seines dichten dunkelbraunen Haars spielte. Ein leichter Schatten lag auf seinen vollen Wangen, und Christiana konnte in dem abgemagerten Jungen von einst bereits den Mann erkennen, zu dem er einmal heranwachsen würde. Mit seinen kräftigen Augenbrauen und den schwarzen Wimpern sah sein Gesicht trotz der Narben beinahe hübsch aus. Nur eine pfeilförmige, weiße Stelle, die seine rechte Augenbraue in zwei Hälften teilte, zeugte noch davon, dass in seinem Gesicht vor einiger Zeit nicht ein einziges Haar zu finden gewesen war.

Obwohl Christiana wusste, dass er sich nur äußerst ungern von ihr entfernte, hatte sie ihn in den letzten beiden Tage aufs Feld geschickt, um bei der Ernte zu helfen. Manchmal kam es ihr nicht richtig vor, dass er immerzu ihre Nähe suchte. Dieses seltsame Verhalten hatte zu viel Ähnlichkeit mit der unheilvollen Besessenheit, die sie damals dazu getrieben hatte, Miguel auf Schritt und Tritt zu folgen. Und dies hatte ihr als junges Mädchen schließlich viel Kummer und großen Schmerz eingebracht.

Thomas würde jedoch bald erwachsen sein, und sie hatte ein paar Tage zuvor den Entschluss gefasst, ihren Schützling in spätestens einem Jahr aus ihren Diensten zu entlassen, damit er sich ein eigenes Leben aufbauen konnte.

Es würde ihr schwer fallen, ihren Vertrauten und Beschützer gehen zu lassen, doch wenigstens er sollte die Chance bekommen, eine Familie zu gründen. Und so wie es aussah, war er seinem Glück schon ein ganzes Stück näher, als er dachte.

Anna ließ sich gerade behutsam neben ihm im Gras nieder, doch er bemerkte sie sofort und öffnete seine Augen. Sie warf ihm einen verliebten Blick zu, ließ eine Hand in der Tasche ihres Kleides verschwinden und holte schließlich eine Orange hervor. Lächelnd nahm er sie entgegen und machte das Zeichen für "Danke". Dann begann er, die Frucht zu schälen. Er teilte sie in kleine Stücke, legte sie einzeln auf seine Handfläche und bot sie Anna an. Als sie sich ein Stück nahm, strichen ihre Finger für einen kurzen Moment über seine, dann schob sie es sich mit einer verführerischen Bewegung langsam in den Mund.

Die freundliche, beinahe zärtliche Art, mit der ihr Diener auf Annas verhaltene Annäherungsversuche reagierte, versetzte Christiana einen schmerzhaften Stich.

Warum missfiel ihr so sehr, was sie da sah? Sie sollte sich doch für Thomas freuen! Die zarten Bande, die die beiden dort unter dem Baum knüpften, waren doch genau das, was sie ihm wünschte. Aber aus irgendeinem Grund erfasste sie beim Anblick des Paares eine seltsame Unruhe, die ganz dicht unter der Oberfläche plötzlich zu brodeln begann. Es war als wäre sie … neidisch! Ja, sie war erfüllt von Neid!

»Ich werde morgen mit der Gloria in See stechen.«

Von der tiefen Stimme und dem Gehörten gleichermaßen erschrocken fuhr Christianas Kopf herum. Sie starrte Sir Anthony verwirrt an, doch sein Gesicht war auf das junge Pärchen gerichtet, das Christiana einen Augenblick zuvor ebenfalls beobachtet hatte.

Während sie in Gedanken versunken dasaß, hatte er seine Suppe aufgegessen und die Schüssel unbemerkt neben sich ins Gras gestellt.

»Morgen schon?« Bevor sie begriffen hatte, dass sie die entsetzten Worte laut aussprach, waren sie ihrem Mund schon längst entschlüpft.

Anthony drehte ihr sein Gesicht zu, und ihre Blicke trafen sich. Das Glitzern in seinen Augen verriet, dass er ihre Frage ganz genau verstanden hatte. Es hatte keinen Sinn mehr zu leugnen.

»Es ist Zeit, wieder auf die Reise zu gehen. So leben wir auf Eden nun mal, und daran wird sich auch nichts ändern«, sagte er leise, und das Bedauern in seiner Stimme ließ Christiana aufhorchen.

Was mochte ihn nur bedrücken? Er war doch mit Haut und Haar ein Seemann. Und soweit sie wusste, hatte er weder Frau noch Kinder, die er vermissen könnte. Er lebte zusammen mit seinen zwei älteren Brüdern Richard und Charles, die ebenfalls unverheiratet waren, in einem kleinen Haus am Rande des christlichen Viertels.

»Könnt Ihr Euch vorstellen, solch ein Leben zu führen wie die Frauen hier, Lady Christiana? Oft lange Zeit getrennt von ihren Männern und ganz allein mit den Kindern?«

Christiana verstand den Sinn seiner Frage nicht und schaute ihn verwundert an. Warum interessierte ihn das? Es war nicht von Belang, da es ja doch keinen Mann gab, der sie so, wie es einer Ehefrau zustand, achten würde und den sie im Gegenzug dafür lieben könnte.

Anthony musterte sie kurz und fragte dann: »Oder habt Ihr Sehnsucht nach Eurem Zuhause und wollt so schnell wie möglich zu Eurem Vater zurückkehren?«

Christiana sog scharf die Luft ein. »Nein, Sir Anthony. Falls ich Eden jemals verlasse – und ich weiß selbst noch nicht, ob ich das wirklich möchte –, kann ich nicht nach Rossewitz zurückgehen. Ich werde an das Tor eines Kloster in der Nähe von Stralsund klopfen und um Aufnahme bitten. Und da die Äbtissin meine Tante ist, würde ich dort mit offenen Armen empfangen und den Rest meines Lebens hinter den hohen Mauern des Stiftes verbringen. Das wurde bereits vor vielen Jahren beschlossen.«

Er sah sie überrascht an.

»Ihr wollt Nonne werden?«, fragte er, und das belustigte Funkeln seiner blauen Augen ärgerte sie.

»Auch wenn Ihr, Sir Anthony, es Euch nicht vorstellen könnt – das Leben mit Gott ist mir seit meinem sechzehnten Lebensjahr vorbestimmt!«

»Ihr möchtet also wirklich Nonne werden!«, wiederholte er ungläubig. »Wolltet Ihr denn nie heiraten? Und Kinder haben?«

»Ich glaube nicht, dass es Euch zusteht, mir eine solche Frage zu stellen«, entgegnete sie verstimmt. »Aber nein, seit meinem Unfall ist es mir nicht mehr in den Sinn gekommen, mein Leben wie gewöhnliche Frauen zu verbringen.«

Lügnerin!, riefen ihr Verstand und ihr Herz gleichzeitig. Jedes Mal, wenn du ihn siehst, hast du deine Kinder vor Augen. Und wenn er dich anschaut so wie jetzt, mit diesen zauberhaften, blauen Augen, stehst du in Gedanken vor einem hübschen Haus und winkst deinem Ehemann zum Abschied zu, bevor er sich auf die Reise macht.

Nein! Nein! Nein! So kann es niemals sein!, brachte Christiana die Stimmen in ihrem Kopf zum Schweigen. Dann atmete sie tief durch und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Anthony. Viel schärfer als beabsichtigt sagte sie: »Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich glaube, Philomena braucht meine Hilfe.«

»Ich werde Euch sehr vermissen, Christiana.«

Sie war im Begriff aufzustehen, doch dieses leise Geständnis ließ sie mitten in ihrer Bewegung erstarren.

»Wie bitte?«, brachte sie nahezu unhörbar hervor.

Anthony schaute ihr tief in die Augen. »Ich sagte, ich werde Euch sehr vermissen.«

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